Liebe Schwestern und Brüder der Gemeinden in der Erlöserkirche Berlin-Tegel und in der Kreuzkirche Berlin-Spandau,

Gott spricht: „Es kommt die Zeit, da werde ich eine Not über das Land kommen lassen, die schlimmer ist als Hunger und Durst: Die Leute werden nicht nach Brot hungern oder nach Wasser lechzen, sondern verzweifelt darauf warten, von mir das rettende Wort zu hören.“  Prophet Amos 8,11

Kann ein erlösendes Wort wichtiger werden als Hunger und Durst? Können rettende Worte existenzieller werden als Brot und Wasser?

Das scheint für die Hörenden dieses prophetischen Wortes kaum vorstellbar zu sein. Ihre Profitgier, das Leben bis zur Neige auszubeuten, scheint sie ja zu belohnen. Ihre Definition von Leben, dem Sein eine geringere Bedeutung zuzumessen als dem Haben, scheint aufzugehen: Ihr Reichtum wächst, ihre Macht nimmt zu.

Noch schwören viele Zeitgenossen jüdischen Glaubens selbstbewusst „bei den heidnischen Göttern“ und schieben den „Gott Israels“ an die Seite.

Verzweifelt warten, bis der wieder „rettende Worte“ redet? Wer braucht das denn, bitteschön? Wann soll denn jemals eine solche Zeit kommen? Viel zu lange hat man schon nichts mehr von ihm gehört!

Und: Wer benötigt denn „Worte des Lebens“, wenn man genug Wein hat, um zu verdrängen, was einen belastet? Wer braucht denn seine Leitung, wenn einem schöne Jungfrauen und Jünglinge nicht nur zu Füßen liegen?

Aber wenn der Mensch tatsächlich nicht allein vom Brot lebt, sondern vor allem vom „Wort Gottes“, wie es später auch Jesus lehrt, dann müssten uns Heutigen doch eigentlich Zweifel aufkommen, wenn wir sehen, wie sehr uns immer wieder der Wert der materiellen Bedürfnisse zum alleinigen Maßstab wird.

Interessant finde ich, dass der fette Wohlstand gerade in Krisenzeiten plötzlich quer durch die Gesellschaft hindurch hinterfragt wird und der Sinn des Lebens in aller Öffentlichkeit diskutiert wird? Bis die Krise vorüber ist.

Wenn Gott schweigt – was dann? Wenn er seine wegweisenden Worte zurückhält – was dann? Wenn Gott uns seine Liebe nicht mehr erklärt – was dann? Wenn Gott sich nicht mehr zu erkennen gibt durch sein Wort – was dann? Leere? Verzweiflung?

Verliebte, deren Werben unerhört bleibt, verzweifeln nicht selten. Das versöhnende Wort eines Menschen, auf das man so sehnsüchtig gehofft hatte, endlich ist es da. Aber das sind nur schwache Vergleiche.

Wenn Gott verstummt und wir nicht mehr die Barmherzigkeit spüren, die in seinem Reden so oft mitschwingt, dann verlieren wir vollends unsere Orientierung. Und ein verzweifeltes Suchen nach einem Halt beginnt.

In der Geschichte Gottes mit den Seinen können wir immer wieder beobachten, wie er sich schließlich doch veranlasst sah, den Verirrten, Verzweifelten und Suchenden zu Hilfe zu kommen. Viele Texte der Bibel schildern ein unverhofftes, bewegendes Happy End, manchmal in „letzter Sekunde“!

Menschen erkennen dann auf einmal wieder, was sie mehr brauchen als Brot und Wasser. „Zu wem sonst sollten wir gehen?“, sagten die Jünger zu Jesus. Und: „Deine Worte bringen das ewige Leben.“

Ja, auch ich habe in den Wochen der gesellschaftlichen Fortbewegung in Zeitlupe nachgedacht. Und für mich Entscheidungen getroffen. Dabei half mir auch ein Wort von Emil Oesch: „Zeit haben heißt wissen, wofür man Zeit haben will und wofür nicht.“

Ich möchte Jesus Christus wieder einen höheren Stellenwert einräumen. Mich seinem einzigartigen „Wort des Lebens“ ungeschützter aussetzen. Und bereit sein, auf der Haben-Seite einzubüßen. Weil ich ahne, wie befreit ich dann andererseits sein kann. Und weil ich hoffe, dass mein Leben dadurch einen tieferen Sinn erhält und mein Herz wieder fröhlicher wird.

Herzliche Grüße

Ihr/Euer Pastor Matthias Zehrer

DIE LOSUNG VOM 29. APRIL:

Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu.          Prediger 9,10

AUS DEM DAZUGEHÖRIGEN LEHRTEXT:

Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend … Römerbrief 12,11 

Zum Mittwoch, 29. April

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